Friedensbildung in der Schule: Streiten lernen

Streit gehört zur Schule wie die Pausenklingel. Zwei Jungen geraten auf dem Pausenhof aneinander, eine Mädchengruppe schließt eine Mitschülerin aus, in der achten Klasse eskaliert ein Chat. Lange galt das als Störung des Betriebs, die möglichst schnell zu unterbinden war. Die Friedensbildung sieht es anders: Konflikte unter Kindern sind kein Betriebsunfall, sondern Lehrstoff. Nirgendwo sonst lässt sich so früh und so folgenreich lernen, wie man streitet, ohne zu zerstören, und wie man sich verträgt, ohne sich zu unterwerfen.

Streiten will gelernt sein

Kinder kommen nicht als Diplomaten zur Welt. Die Fähigkeit, einen Konflikt in Worte zu fassen, die Sicht des anderen zu verstehen und einen Ausgleich zu finden, entwickelt sich langsam und braucht Vorbilder. Wo sie fehlt, bleiben nur die archaischen Alternativen: zuschlagen, weglaufen oder einen Erwachsenen holen. Alle drei lösen den Konflikt nicht, sie beenden ihn nur äußerlich.

Friedensbildung setzt deshalb nicht erst bei den großen Themen an, bei Krieg, Abrüstung und Menschenrechten, sondern bei der sozialen Grundausstattung. Dazu gehört, Gefühle benennen zu können, statt sie auszuagieren. Dazu gehört die Erfahrung, dass ein Kompromiss keine Niederlage ist. Und dazu gehört das Wissen, dass es zwischen Nachgeben und Gewinnen einen dritten Weg gibt: die gemeinsam gefundene Lösung. Diese Grundausstattung trägt später weiter als manches Fachwissen, in Partnerschaften, im Beruf, im demokratischen Streit der Erwachsenen.

Streitschlichter: Kinder vermitteln unter Kindern

Das bekannteste Instrument der schulischen Friedensbildung sind Streitschlichter-Programme, oft auch Schülermediation genannt. Das Prinzip: Ältere Schülerinnen und Schüler werden über mehrere Monate zu Vermittlern ausgebildet und helfen jüngeren, ihre Konflikte selbst zu klären. Die Schlichter urteilen nicht und bestrafen nicht. Sie führen durch ein Gespräch mit festen Schritten, beide Seiten schildern ihre Sicht, benennen ihre Gefühle und suchen eine Vereinbarung, die schriftlich festgehalten wird.

Der Ansatz hat zwei Pointen. Die erste: Kinder nehmen Vermittlung durch Gleichaltrige oft ernster als Ermahnungen von Erwachsenen, weil kein Machtgefälle im Spiel ist. Die zweite: Am meisten lernen die Schlichter selbst. Wer ein Jahr lang fremde Streitigkeiten begleitet hat, hört anders zu, fragt anders nach und erkennt Eskalationen früher. Erfahrungen aus der Schulpraxis zeigen freilich auch die Bedingungen des Gelingens. Ein Programm, das nur auf dem Papier existiert, mit einer Plakataktion startet und dann verhungert, bewirkt wenig. Es braucht ausgebildete Lehrkräfte, die die Schlichter begleiten, feste Zeiten und Räume und eine Schulleitung, die das Verfahren ernst nimmt, statt bei jedem Vorfall doch zur klassischen Strafe zu greifen.

Demokratische Schulkultur: der Ernstfall des Übens

Streitschlichtung bleibt Stückwerk, wenn der Rest des Schullebens ihr widerspricht. Kinder durchschauen den Widerspruch sofort: Im Sozialtraining wird Aushandeln geübt, aber über alles Wichtige entscheiden Erwachsene allein. Friedensbildung wird erst glaubwürdig, wenn die Schule selbst demokratisch verfasst ist, altersgemäß und mit echten Zuständigkeiten.

Dafür gibt es erprobte Formen. Der Klassenrat, eine regelmäßige Runde, in der die Klasse ihre Angelegenheiten selbst verhandelt, vom Sitzplan bis zum Umgangston. Schülerparlamente mit eigenem Budget für Pausenhof oder Schulfest. Gemeinsam erarbeitete Regeln, die auch für Lehrkräfte gelten. Wer als Zehnjähriger erlebt hat, dass ein Antrag im Klassenrat etwas verändert, hat eine Grunderfahrung von Demokratie gemacht, die kein Sozialkundebuch ersetzt: Konflikte werden durch Verfahren gelöst, nicht durch Stärke. Zugleich lernt die Klasse dort Mehrheit und Minderheit auszuhalten, also genau die Spannung, an der erwachsene Debatten so oft scheitern.

Kleine Formen, große Wirkung

Man kann einwenden, all das sei Pädagogik im Kleinen, während die großen Friedensfragen anderswo entschieden werden. Der Einwand unterschätzt, wie Haltungen entstehen. Gewaltbereitschaft, Verachtung für Schwächere und die Unfähigkeit, eine Niederlage zu ertragen, werden nicht im Wahlalter erworben, sondern lange vorher. Eine Schule, die Streiten und Vertragen lehrt, arbeitet an denselben Fragen wie die internationale Diplomatie, nur früher und näher am Menschen. Der Essay Der Weg zum Frieden beschreibt Frieden als Fähigkeit, die geübt werden muss; die Schule ist der Ort, an dem diese Übung für alle beginnt. Auch das Zusammenleben der Religionen, dem der Beitrag Islam in Deutschland nachgeht, wird im Klassenzimmer alltäglicher gelernt als auf jedem Podium. Weitere Beiträge zu Erziehung, Ethik und Gesellschaft versammelt die Essay-Sammlung. Frieden, so besehen, hat einen Stundenplan. Er beginnt montags in der ersten Pause.

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